Leseprobe "Süßer Tee"

An der Wohnungstüre hörte ich die Stimme meiner Mutter, wie sie mit unserer Nachbarin von nebenan sprach. Es schien etwas Wichtiges zu sein, denn als ich die Wohnungstür aufschloss, hörten sie auf zu reden. Nachdem ich meine Schultasche im Kinderzimmer, das ich mit meinen zwei Schwestern teilte, abgelegt hatte, ging ich direkt in die Küche. Unser ganzes Leben spielte sich in dieser Küche ab, als sei sie das Zentrum von allem: von Entscheidungen, Glück und Trauer. Ich fühlte mich immer sehr wohl in der Küche. Es ging etwas Besonderes von diesem Ort aus.Wenn ich vor der Küche stand, und geradeaus sah, sah ich durch das Küchenfenster, den blauen Himmel, da wir in der vierten Etage eines Mehrfamilienhauses wohnten. An der rechten Wandseite der Küche stand unser Esstisch, immer mit einer geblümten Plastik – Tischdecke bedeckt. An den beiden Kopfseiten und an der linken Tischseite standen die Stühle angelehnt, die immer sehr unterschiedlich waren. Vor der linken Wandseite unserer Küche war unsere selbst zusammengestellte Küchenzeile, die wie zusammengewürfelt diese Wand bedeckte. Wir begrüßten uns jedes Mal sehr herzlich. Schon damals empfand ich die Begrüßungen untereinander als etwas Einmaliges. Nachdem ich während einer Tasse Tee den beiden Frauen eine Zeit lang zugehört hatte - sie redeten über Alltägliches, schien mir -, ging ich in das Kinderzimmer. An der Türschwelle stehend; sah ich mich unwillkürlich im Zimmer um, betrachtete das Etagenbett, worin meine 4 Jahre jüngere Schwester Elke und ich schliefen. Es stand unmittelbar links im Raum, dahinter befand sich noch das Einzelbett meiner 5 Jahre älteren Schwester Nurtel. Gegenüber dem Etagenbett war ein Schreibtisch, an dem wir drei abwechselnd unsere Hausaufgaben machten. Meine Schwester Nurtel besuchte die Hauptschule, Elke die Grundschule und ich die fünfte Klasse der Hauptschule.  Ich war dabei meinen Vater – man nannte ihn auch H. ,den Koch, weil er in seiner Militärzeit in der Türkei für die Küche und das Kochen zuständig war - davon zu überzeugen, dass das Gymnasium für mich das Richtige wäre. Das war ein nervenaufreibender Kampf, denn ich konnte mit meinem Vater nicht über Schule und Bildung reden, weil er absolut nichts davon hielt. Er meinte, dass man es nur durch körperliche Arbeit zu etwas bringen könne. Körperliche Arbeit war für ihn natürlich die Fabrikarbeit. Zum Schluss war ich sehr glücklich darüber, als er sagte: „ Mach doch, was Du willst. „Belki birgün basimiza Professor olursun“ „ Vielleicht wirst du mal ein Prof.“  Er grinste abscheulich dabei. Ich mochte nicht, wenn er so spöttisch mit uns redete. Ich bin mir sicher, dass er schon damals dachte, dass ich nicht ganz dicht wäre. Aber das war mir egal. Es war das erste Mal, dass ich mich durchsetzen konnte Zu dieser Zeit konnte ich natürlich noch nicht wissen, wie sich alles wenden würde. Unsere Möbel waren alt und gebraucht. Der Kleiderschrank, der direkt gegenüber unserer Zimmertür stand, war ebenfalls alt. Jedesmal wenn wir ihn öffneten, drohte die Tür aus den Angeln zu springen und quietschte dabei. Ich trat in das Zimmer ein und machte die Tür hinter mir zu, setzte mich an den Schreibtisch, um Aufgaben für die Schule zu erledigen. Einige Minuten später kamen auch schon mein Bruder Bülent, und meine beiden Schwestern nach Hause. Die Wohnung war voller Leben.  Wir Kinder harmonisierten sehr gut miteinander, auch wenn es öfters Meinungsverschiedenheiten zwischen uns gab. Mit meinem Bruder Bülent verstand ich mich besonders gut. Er war ein Jahr älter als ich und besuchte auch die Hauptschule wie meine Schwester und ich. Wir hatten noch einen älteren Bruder namens Ahmet, der seit langem nicht mehr bei uns wohnte, weil Vater ihn nicht leiden konnte. Er wohnte damals mit seiner Freundin Frauke in Bielefeld und bereitete sich auf ein Studium vor. Er kam mehr schlecht als recht durchs Leben und besuchte uns hin und wieder heimlich, da Vater uns den Kontakt zu ihm verboten hatte. Ich erinnere mich noch, dass mein Bruder und seine Freundin uns wieder mal heimlich besuchen wollten. Die beiden hatten auf einer Nebenstraße unseres Wohnblocks geparkt und solange gewartet bis Vater das Haus verlassen hatte. Einige Minuten später klingelte es zweimal direkt hintereinander an der Haustür. Das war das Zeichen, unser Zeichen! Unser Bruder Ahmet und Frauke waren gekommen und die Freude war groß. Jedes Mal hielt einer von uns Jüngeren Wache am Fenster für den Fall, dass Vater nach Hause käme. Aber diesmal meinte Mutter, dass er doch gerade erst das Haus verlassen hätte, daher wäre es nicht möglich, dass er so schnell wieder zurückkommen würde. Mutter müsste es ja wissen, dachten wir. Unser Bruder Ahmet und Frauke hatten uns immer etwas Spannendes zu erzählen. Wir Jüngeren hörten den beiden immer mit großem Interesse zu. Mir schien, als kämen sie aus einer anderen Welt. Das waren die Momente, wo ich aus meinem Alltag ausbrechen und mich erholen konnte. Unsere anregende Unterhaltung wurde von süß duftendem Gebäck und frischem Tee untermalt. Doch der Schrecken ließ nicht lange auf sich warten. Meine Schwester Nurtel kam schreiend aus der Küche und kündigte an, dass sie  Vater ins Haus hatte kommen sehen. Die Panik war groß. Mein Bruder Ahmet und Frauke mussten auf dem Speicher versteckt werden, ansonsten würden sich die beiden Feinde über den Weg laufen. In der letzten Minute fiel Mutter auf, dass auf dem Tisch zwei Teegläser und Kuchenteller zuviel waren. Schnell packte ich das Geschirr zusammen und rannte in die Küche, vor lauter Aufregung wusste ich nicht mehr wo ich die Sachen abstellen wollte, und wo sie unbemerkt blieben, jeden Moment würde Vater durch die Haustür kommen und mich mit dem Geschirr in der Hand erwischen. Kurzer Hand packte ich das Geschirr in den Backofen und raste anschließend ins Wohnzimmer. Als wir hörten wie Vater die Wohnungstür öffnete, saßen wir alle wie angewachsen oder gar angekettet auf der Couch und starrten den Fernseher so intensiv an, als würde es uns brennend interessieren, was da gerade lief.
Irgendwie hatte das Ganze einen sehr erdrückenden Beigeschmack. Vater kam mir vor wie die gesamte Gestapo, wir trauten uns nicht zu atmen, denn würde er dahinter kommen, dass wir hinter seinem Rücken gegen seine selbst gesetzten Verbote verstießen, dann würden wir, besonders meine Mutter, geradezu um Gnade betteln müssen und... - er durfte das noch nicht einmal ahnen. Allerdings war Vater sehr berechnend und ein guter Beobachter, so dass er unsere Unsicherheit bemerkt hatte, aber nicht zuzuordnen wusste. Davon abgesehen hatte er nur etwas vergessen und war in Eile. Nach einer sehr kurzen Zeit nahm er das Vergessene an sich und schlug die Wohnungstür hinter sich zu. Ich ging schnell ans Küchenfenster, um mich zu vergewissern, dass er das Gebäude auch tatsächlich verlassen würde. Er trat aber nicht aus der Haustür. Der jüngere Bruder Bülent hatte sich den Türspion vorgenommen und versuchte ihn zu beobachten. Vater stand im Flur und schaute sich um. Bülent und ich guckten uns an. Aus lauter Angst drohten wir zu erstarren. Würde er nochmals kehrtmachen und anfangen uns auszufragen. Ihm gegenüber waren wir schwach und hilflos. Doch er verließ das Gebäude, stieg in seinen Wagen, - den ich genau so wenig mochte, wie den Besitzer selbst , und fuhr ab. Einer von uns ging zum Speicher und holte die Beiden. Wir machten uns Tee und hatten einen schönen Nachmittag.